Die Octave - Schlussprozession 1893

Marie-Paule Jungblut, Robert L. Philippart & Steve Kass

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1893 veröffentlichte der Luxemburger Künstler Michel Engels ein Album mit 31 Lichtdrucken unter dem Titel Die feierliche Schlussprozession der Muttergottes-Octave zu Luxemburg. Seine Darstellung des religiösen Ereignisses ist eine Mischung aus Realität und Phantasterei. Darüber hinaus erzählt jedes einzelne seiner Bilder Geschichten aus dem städtischen Leben.

Folgen Sie uns in die soziale und religiöse Lebenswelt der Stadt Luxemburg gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Auf unserem virtuellen Spaziergang lernen Sie die Architektur der Stadt Luxemburg am Ende des 19. Jahrhunderts kennen. Um Ihnen bei der Orientierung behilflich zu sein, haben wir Bilder eingefügt, die den heutigen Zustand der von Engels skizzierten Häuser zeigen. Urteilen Sie selbst über die baulichen Veränderungen im historischen Kern der Stadt Luxemburg.

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Section der Freiwilligen-Compagnie - Liebfrauenstraße

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Das Kontigent der Gendarmen und Freiwilligen war durch das Gesetz am 16. Februar 1881 geschaffen worden. Es steht am Anfang der heutigen Luxemburger Armee.

Das Kontigent der Gendarmen umfasste damals 125 Mann. Die Freiwilligen Compagnie, die in der Stadt Luxemburg angesiedelt war, setzte sich aus 9 Offizieren und 140 bis 170 Unteroffizieren und Soldaten zusammen. Das Corps der Gendarmen und Freiwilligen bestand in dieser Form bis 1938.

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Die Aufschrift „Banque Internationale“ in der rue Notre-Dame zeigt den heutigen Eingang des Biergerzenter. Die Banque Internationale à Luxembourg war 1856 gegründet worden und hatte das Recht, Geldnoten für Luxemburg zu drucken. 1856 hatte die Bank mehrere historische Gebäude in der rue Notre-Dame gekauft, um dort ihren Gesellschaftssitz einzurichten. Der zur Notre-Dame-Straße gerichtete Teil diente ab 1691 bis 1783 den Dominikanerinnen aus Marienthal als Refugium. Der Haupteingang wurde erst 1878 gebaut und schloss den bis dahin offenen Hofes. Ein Glasdach verband jetzt die verschiedenen Gebäudeflügel. Dieser geschützte Binnenhof diente als Schalterhalle. Die Gebäude zur Seite des Wilhelmsplatzes wurden im 19. Jahrhundert errichtet. Sie stehen auf den Fundamenten des ehemaligen Franziskanerklosters, das 1250 errichtet und 1830 abgerissen worden war. 1898 erwarb die Banque Internationale ein Grundstück am Boulevard Royal, um dort ihren neuen Gesellschaftssitz zu errichten (heute Sitz der Zentralbank). Ab 1910 diente der Bau in der rue Notre-Dame als Internat für junge Mädchen, dann als Schwesternheim. 2003 erstand die Stadt Luxemburg den Gebäudekomplex. Der 2010 als nationales Denkmal geschützte Bau wurde im Einvernehmen mit dem International Council of Monuments and Sites restauriert und zum Biergerzenter umgebaut.

Die Lauretanische Litanei - Stadtpolizei - Wilhelmstraße

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Auf diesem Blatt geht es um die Lauretanische Litanei, die erstmals 1531 in Loreto gesungen wurde. Es ist eine Folge von Anrufungen an die Gottesmutter durch Vorbeter, auf welche die Pilger „Bete für uns“ als Rückruf singen. Der Stadtpolizist ist, genau wie der Lehrer in feierlicher Kleidung, gut zu erkennen. 1881 war die Schulpflicht eingeführt worden. Im Bild erkennt man einen Lehrer, der den Kindern einen Rosenkranz vorhält. Um in die Lehrerlaufbahn einzutreten zu können, mussten die Kandidaten ein vom Pfarrer erstelltes moralisches Zeugnis vorlegen und Religion als Fach unterrichten. Frauen, die in die Schuldienst eintraten, durften nicht heiraten (Joffer). Erst 1912 kam es zu einer tiefgreifenden Reform der Schulorganisation.

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Von 1854 bis 1925 trug die Wilhelmstraße offiziell den Namen rue du Fossé. Zuvor war hier der „Kornmarkt“.

Knabenschulen - Altar am Wilhelmsplatz - Wilhelmsplatz

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Erst ab 1881 wurde in Luxemburg die Schulpflicht für Jungen und Mädchen im Alter von 6 bis 12 Jahren eingeführt. Der Schulunterricht wurde von öffentlichen gemeindeeigenen Schulen geleistet. Jedes Stadtviertel erhielt sein eigenes Schulgebäude mit jeweils einem Flügel für Knaben und einem Flügel für Mädchen. Je nach Geschlecht wurden unterschiedliche Fächer unterrichtet.

Am Place Guillaume II stand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Franziskanerkloster. Der Knoten „Knuet“ an der Kutte der Mönche verlieh dem Platz seinen Volksnamen „Knuedler“. Das Reiterstandbild Wilhelms II., des Königs-Großherzogs von Oranien-Nassau (1840-1849), würdigt die Verleihung der ersten parlamentarischen Verfassung an Luxemburg. Sie galt damals als eine der fortschrittlichsten in Europa. Wichtig war damals wie heute, die Zulassung aller Konfessionen. Das vom französischen Künstler Antonin Mercié entworfene Standbild wurde 1884 eingeweiht.

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Das Rathaus im Hintergrund des Bildes wurde zwischen 1830 und 1838 nach den Plänen des Architekten und Professors Julien Etienne Rémont aus Lüttich gebaut.

Der Ruhealtar, der errichtet wurde, um den eucharistischen Segen zu spenden, wurde am Standort der ehemaligen Kirche des Franziskanerordens aufgestellt. In diesem Gotteshaus hatten die Gouverneure Graf P.E. von Mansfeld und Jean Beck ihre letzte Ruhe gefunden. Graf Johann der Blinde, König von Böhmen, und König Karl der Kühne waren hier zeitweise bestattet. Das Kloster wurde 1795 Staatseigentum und die Gebäude wurden 1827 abgerissen.

Mädchenschulen - Wilhelmstraße - Königinstraße

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Seit 1840 trägt die rue Neuve den Namen rue de la Reine – zu Ehren der Ehefrau von König-Großherzog Wilhem II., Anna Pavlovna, Großfürstin von Russland und Tochter des Zaren Paul I. Die Schülerinnen befinden sich in Begleitung ihrer Lehrerinnen. Es handelt sich hier eindeutig um Kinder aus öffentlichen Lehranstalten, denn Ordensfrauen sind hier nicht abgebildet. Seit 1846 war das Lehramt den Frauen geöffnet. Um Lehrerin zu werden, musste man wenigstens fünfzehn Jahre alt sein, den Katechismus kennen, Kenntnis der Heiligen Schrift haben, Französisch und Deutsch lesen und schreiben können, mit den Grundregeln der Arithmetik vertraut sein. Die strukturelle Verbindung zwischen Glaubenslehre und Bildung verlieh dem öffentlichen Unterricht religiösen Charakter.

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Im Hintergrund des Bildes erkennt man das 1876 gegründete Geschäft der Geschwister Saur. Hier wurden die ersten Nähmaschinen Luxemburgs verkauft. Das Geschäft welches 1893 eine Zweigstelle in Remich eröffnet hatte, verkaufte ebenfalls Körbe, Hüte, Stoff, Vorhänge, Bettlaken, und Kinderwagen. 1904 schloss das Geschäft.

Frauen und Jungfrauen - Regierunggstraße

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Der heutige Teilabschnitt der rue du Marché-aux-herbes zwischen der rue de la Reine und der rue du Curé bildete vormals die Regierungsstrasse. Bis 1890 befand sich der Regierungssitz im Gebäude des heutigen großherzoglichen Palais.

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Rechts im Bild erkennt man das barocke Eingangstor zum ehemaligen Refugium der Abtei Echternach. Hier konnten sich die Äbte und Mönche des Klosters in der Festung in Sicherheit bringen, wenn Kriegs- oder Seuchengefahren über Land wüteten. Auch wohnten hier die Äbte, wenn die Stände (Adel, Klerus und Bürgertum) sich im Ständehaus (heute großherzoglicher Palast) versammelten. In Folge der französischen Revolution wurde das Gebäude als Nationalgut verkauft. Die ursprüngliche Holztür zum Hof ist auf dem Bild noch gut zu erkennen. Über dem Portal, unterhalb der Kartusche, erkennt man das Chronogramm MDCCLI (1751). Die streng angeordnete spätbarocke Ordnung des Gebäudes erinnert an die Architektur der Abtei Echternach, welche Abt Grégoire Schouppe ebenfalls errichten ließ. Auch heute noch ist im ehemaligen Refugium eine Deckendarstellung der österreichischen Kaiserin und Luxemburger Herzogin Maria-Theresia erhalten. Das mit Rokoko-Elementen versehene Treppenhaus ist beeindruckend. Das Gebäude reicht bis in die rue de la Reine. Vor dem Haus wurden während der Oktave Devotionsobjekte verkauft.

Die Waisenkinder – Mamer und Pastorstraße

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Der an die rue du Marché-aux-Herbes grenzende Teil der rue du Curé hieß bis 1925 rue Mamer. Der Name erinnerte an den Berater des kaiserlichen Hofes in Wien, Pierre Mamer, der ursprünglich in diesem Straßenabschnitt wohnte.

1884 hatte die Regierung eine Waisenanstalt für Kinder unter 15 Jahren in den ehemaligen Kasernen des Plateau du Rahm eingerichtet. Die Schwestern der Kongregation der Heiligen Elisabeth hatten die Aufsicht über die Jungen und Mädchen, die dort aus allen Teilen des Landes zusammengeführt worden waren. Im Bild von Michel Engels erkennt man die Ordensfrauen in Begleitung ihrer Zöglinge. Diszipliniert halten die Jungen ehrfurchtsvoll ihren Hut in der Hand.

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Im Hintergrund erkennt man die Aufschrift Oppenheim & Schloss, einem Strumpf-Garn-und Kurzwarengeschäft, das 1858 an der Stelle gegründet worden war. Vom 18. Jahrhundert bis 1839 befand sich hier die Schwanenapotheke. Der Ursprung des Gebäudes, das heute nicht mehr steht, reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Bis zu seiner Zerstörung hatte es einen Renaissance-Balkon, wie wir ihn heute noch am Palais oder der Maison de Raville wiederfinden. Der Bau war einst als Refugium für den Johanniter Templerorden aus Roth (Vianden) errichtet worden. Im Untergeschoss befanden sich Teile der zweiten Ringmauer der Stadt (12. Jahrhundert). 1905 wich das historische Gebäude dem im Jugendstil errichteten Weiss- und Spielwarengeschäft Beffort-Bandermann.

Feuerwehr - Höhere Töchterschule - Krautmarkt

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1893 gab es zwei höhere Schulen für Mädchen in der Hauptstadt: die Schule Sainte-Sophie, geführt von den Augustinerschwestern und die Ecole Ménagère Sainte-Famille unter der Leitung der Soeurs de la doctrine chrétienne. Staatsminister Paul Eyschen hatte sich für die Gründung der Ecole Sainte Familie eingesetzt, da er der Ansicht war, Frauen müssten ebenso wie die Männer auf die hohen technischen Ansprüche der Landwirtschaft vorbereitet sein.

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Die gesamte Häuserfront, die wir auf dem Bild erkennen, ist bis heute erhalten. Dieser Stadtteil war innerhalb der neuen Ringmauer in den Jahren 1170 und 1190 angelegt worden. Elemente eines Stadtturms aus dieser Epoche sind im Hof der abgebildeten Häuser bis heute erhalten geblieben. Die Bebauung dieser Straßenzeile ist bis ins 16. Jahrhundert nachgewiesen. Nach den Zerstörungen Luxemburgs durch die Truppen des französischen Königs Louis XIV. wurden die Häuser wiederaufgebaut. Rechts erkennt man das ehemalige Refugium der Herren von Hollenfels. In der Nische steht bis heute die Statue des Heiligen Stefan. Zur Zeit von Engels befand sich hier das Modehaus für Damen-Herren und Kinder M. Ochs. Seit 1898 befindet sich im Haus ein Juwelierladen. Die Schmuckwarenhändler André Schaus und später Jacques Molitor waren beide Hoflieferanten. Im frühen 18. Jahrhundert füllten sich die Baulücken im Straßenbild. So erkennt man die Jahreszahl am mittleren Gebäude 1723. Hier hat Michel Engels sich allerdings vertan, denn die Steinanker schreiben 1738. Das Nachbarhaus, welches nicht mehr im Bild ist, war 1723 errichtet worden.

Pensionnat Ste-Sophie - Krautmarkt – Grabenstraße - Roter-Brunnen Platz

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Die Mädchenschule Sainte-Sophie war 1627 von den Schwestern der Congrégation Notre-Dame (Augustinerinnen) gegründet worden. Nach der französischen Revolution kehrten die Ordensfrauen 1808 nach Luxemburg zurück und eröffneten erneut eine Mädchenschule, diesmal mit Internat. Die Schule befand sich in der Kongregationsgasse. Der Unterricht war in zwei Sparten aufgeteilt, eine „école ouvrière“ und die „Normalschule“ für angehende Lehrerinnen.

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Wir befinden uns an der Kreuzung Grand’Rue und der rue du Fossé. Die Konditorei Louis Perlia verwöhnte ihre Kunden zwischen 1860 und 1910 mit Printen, Lebkuchen und Hefebackwaren. Im Hintergrund erkennt man die Kathedrale vor ihrer Vergrößerung im Jahre 1935. 1933 war die rue du Fossé auf das Doppelte ihrer Breite erweitert worden. An den Fassaden der beiden Eckhäuser befand sich jeweils eine Marienstatue. Sie stammen aus dem 15., bzw. dem 18. Jahrhundert. Eine Kopie der älteren Ausgabe schmückt heute die Verbindungsarkade zwischen der folkloristischen Abteilung und dem Hauptgebäude des Musée National d’Histoire et d’Art, in der rue Wiltheim. Beide Eckhäuser wurden bei der Erweiterung der Straße durch modernistische Bauten ersetzt. An der linken Fassade kann man den Namen L. Weber lesen. Es handelt sich um das Modehaus A la ville de Paris des Geschäftsmanns Louis Weber wenige Monate vor seiner Schließung im September 1893.

Normalschule der Lehrerinnen Zöglinge – Genisterstraße - Altar am Rothenbrunnenplatz

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Der Name des Platzes erinnert an das in rosa Sandstein 1741 errichtete Brunnenhaus, das bei der Auflösung der Festung 1867 abgetragen wurde. Bis zur Grabung des 62 m tiefen Brunnens, welcher immer noch besteht, mussten Träger aus den Unterstädten das Wasser in die Oberstadt liefern. In der Mitte des Platzes erkennt man ein Pavillon. Es diente als Haltestelle für die hier seit 1875 vorbeifahrende Trambahn, verschwand aber rasch aus dem Stadtbild. Für die Pferde der Straßenbahn befand sich am Pavillon eine Tränke.

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Links erkennt man einen Regenschirm als Werbeschild. Hier befand sich die Regenschirm-Manufaktur Dubas-Ottingon. Das angrenzende Uhren-Schmuck und Silberwarengeschäft Schroeder gibt es noch heute an dieser Adresse, allerdings in einem 1973 errichteten Neubau. Das Juweliergeschäft, das sich aus einem Goldschmiedeatelier entwickelte, wurde 1877 hier gegründet.

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An der Fassade rechts liest man die Werbeaufschrift Fabrique de Limonades Schneider-Nouveau. Das Unternehmen war 1893 gegründet worden und stellte eine eigene Hauslimonade her. Die Familie Lauff war Mitbegründerin der Union Commerciale de la ville de Luxembourg. Die Spirituosenhandlung schloss 1983.

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Im Hintergrund erhebt sich die beeindruckende Neurenaissance Fassade der ehemaligen Pelikan–Apotheke. Eine Apotheke gab es seit 1793 an dieser Stelle. 1890 ließ die Familie Hubert Gusenburger-Weckbecker durch Architekt Charles Arendt das noch heute erhaltene Gebäude errichten. Es ist seit 1978 als nationales Denkmal geschützt. Heute erinnert ein goldener Pelikan über dem Geschäftseingang an die ehemalige Apotheke. Seit 2011 erinnert die Forschungsstiftung „Pélican Grant“ der Familie Hippert an den letzten Apotheker des Hauses.

Musterschule - Normalschule der Lehrerzöglinge - Großstraße

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Die Normalschule war die Lehrerausbildungsanstalt in Luxemburg. Sie war 1846 per Verwaltungsakt geschaffen worden und bot eine pädagogische Ausbildung über einen Zyklus von 3 Studienjahren an. Weiterbildungskurse gab es sogar während des Sommers. Die Beteiligung der angehenden Lehrer an der Schlussprozession erklärt sich durch die Zulassungsbedingungen zum Studium: Um in die permanente Normal-Schule aufgenommen zu werden, muss man wenigstens fünfzehn Jahre alt sein, den Katechismus kennen, Kenntnis von den Hauptbegebenheiten der Heiligen Schrift haben, in beiden Sprachen lesen und schreiben können, mit den Grundregeln der Arithmetik vertraut sein“ (Verwaltungsakt 9. Januar 1846). Die Ausbildung war weit gefächert und förderte Kenntnisse in Sprachen, Religion, Geografie, Naturwissenschaften, Rechnen und Buchhaltung, Gesang und geometrisches Zeichnen, Schönschreiben und Gärtnerei.
Die Tannenbäume, die den gesamten Pilgerweg säumen, gelten als Symbol der Hoffnung, des Triumphs des Lebens über den Tod und als Zeichen der Großzügigkeit. Mehrere Bewohner haben Jubiläumskränze an ihre Fassaden gehängt.

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Es wird wohl kaum Zufall gewesen sein, dass die angehenden Lehrer vor dem Wohnhaus des Komponisten Heinrich Joseph Cornely (1786-1866) abgebildet sind. Cornely hatte mehrere Musikgesellschaften gegründet und geleitet und war Musiklehrer an der Luxemburger Normalschule. Das Haus ist bis heute erhalten geblieben. Im linken Teil erkennt man das Uhr-Und Juweliergeschäft François Link, das sich 1903 im Art Nouveau-Haus am Paradeplatz niederlassen wird. Daneben die Tabakmanufaktur J.B. Wittenauers. Wittenauer war Schöffe der Stadt Luxemburg. 1893, kurz nach der Schlussprozession übernahm die Witwe Gust Bouvart den Tabakladen und verkaufte zugleich Sekt und feine Liköre. Rechts erkennt man das Hutgeschäft und spätere Mützenfabrik Maisonet / Maisonet-Hanno, welche hier von 1877 bis 1907 ihre Kunden bediente.

Pförtner, Fahne und Musikcorps des Athenäums - Großstraße

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Das Knaben-Gymnasium Athenäum ist eng mit der Wallfahrt zur Trösterin der Betrübten verbunden, ging es doch 1603 aus einer Gründung der Jesuiten hervor, die am Ursprung dieses Kultes standen. Die Industrieschule des Athenäums in Luxemburg wurde 1892 vom klassischen Gymnasium getrennt und einer eigenen Leitung unterstellt. Die Teilnehmer auf dem Bild folgen demnach den Studenten der klassischen Ausbildung. Unter Ihnen befinden sich lothringische und belgische Studenten, deren französischsprachige Eltern eine Ausbildung in Deutsch und Französisch für Ihre Kinder verlangten.

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Engels zeichnete dieses Bild 1877. Links erkennt man die Bijouterie au Contrôle de France. Das 1827 gegründete Geschäft wurde 1930 aufgelöst. 1861 übernahm August Herzig-Kaempff, nach Studien in Paris, das Juwelen-und Uhrengeschäft in der Grand-Rue. Das führende Haus am Platze wurde Hoflieferant. Sicherlich war es für den Maler Michel Engels interessant, dass das Haus galvanoplastisch hergestellte Ansichten von Luxemburg auf Porzellan anbot. Der 1821 in Frankreich geborene Regenschirmhersteller Isidore Dubas-Ottignon hatte 1869 sein Geschäft in der Grand-Rue eröffnet. 1877 verlegte er seine Werkstätten an die Place du Puits Rouge. Auch das Hutgeschäft Michel Frères bestand 1893 nicht mehr an dieser Adresse. Georges Michel hatte 1847 die Chapellerie Fashionable in der Grand-Rue eröffnet. 1852 wurde er mit der Silbermediaille der Exposition Art & Industrie ausgezeichnet. Ab 1881 befand sich an der Adresse das Spielwarengeschäft Périn-Frauenberg. 1891 hatte Michel Frères den Sitz des Hutgeschäftes Au chapeau géant in die rue Chimay verlegt.

Das 1802 errichtete Eckhaus Grand-Rue/ rue Chimay steht heute noch. Hier befand sich das Geschäftshaus Rouff. Der 1811 in Saarlouis gebürtige Abraham Rouff hatte sich als Händler zuerst in Mersch etabliert. 1862 eröffnete er ein „Ellenwaren-Geschäft“ an der Ecke Grand-Rue/ rue Philippe II. Die Manufaktur & Tuchhandlung verlegte ihren Handel 1877 an die Ecke Grand’Rue/ rue Chimay. Ab 1881 wurde das Unternehmen unter dem Namen A. Rouff Leib-Rouff Successeurs an dieser Adresse weitergeführt, bis es 1902 aufgelöst wurde.

Athenäum – Industrie und Handelsschule - Großstrasse

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Der Prozessionszug zieht von der rue des Capucins in die Grand-Rue.

Die Schüler der 1892 gegründeten Industrie und Handelsschule teilten sich bis 1909 die Räumlichkeiten mit dem Athenäum in den ehemaligen Gebäuden des Jesuitenkollegs in der rue Notre-Dame. 273 Schüler folgten den Kursen der neuen Industrie-und Handelsschule. Anlässlich der Schlussprozession trugen die Professoren ihre festlichen Talare mit Birett und Halskrause. Staatliche Orden wurden sichtbar auf der Brust getragen. Interessant ist festzustellen, dass Professoren ihr Birett während der Prozession tragen, während die Pilger ihre Hüte in der Hand halten. Die Beflaggung ist ein wichtiges Element der Schlussprozession. Sie zeigt den feierlichen und öffentlichen Charakter der Oktave. Manche Fahnen zeigten eine Darstellung Napoleons als „Beschützer des Glaubens“. Durch ihn war das Konkordat zwischen Staat und Kirche zustande gekommen. Er hatte der Stadtpatronin den Schlüssel der Stadtpforte „geschenkt“.

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Am Giebel des rechten Eckhauses liest man den Namen Klees-Kaiser. Es handelt sich um Luxemburgs damals größtes Modehaus für Herren, Damen und Kinder. Mäntel, Röcke, Uniformen für Internatsschüler, Leinen für Altäre, sowie Hochzeitsröcke wurden im magasin de nouveautés ab 1879 angeboten. Nicolas Klees-Kaiser hatte seine Karriere eigentlich als Lehrer in Nommern, Medernach und Larochette begonnen. Zwischen 1871 und 1880 betrieb er in Esch-sur-Alzette ein Manufakturwarengeschäft. 1878 ersteigerte er das 1844 gegründete Geschäftshaus des Stoffhändlers Samuel Nathan-Lippmann. Bereits 1885 betrieb er eine Filiale im gegenüberliegenden Haus. 1893 war Klees-Kaiser zum Gemeinderat gewählt worden. 1913 übernahm sein Sohn Alphonse das Geschäft. Dieser beauftragte Architekt Jean-Pierre Koenig mit dem Bau des heute noch bestehenden Gebäudes. Alphonse Klees zog 1913 an die Ecke rue du Fossé und place du Puits Rouge um. 1928 verkaufte er das Unternehmen, welches nun unter dem Namen A la Bourse bis 2012 weitergeführt wurde.

Athenäum - Gymnasium - Kapuzinerstraße

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Die Ausbildung im klassischen Athenäum erstreckte sich 1893 über 6 Jahre. Seit 1869 wurden verstärkt Kurse in modernen Sprachen, sowie in Wirtschaftlehre angeboten. In den unteren Klassen wurde Schönschreibunterricht erteilt. Zur klassischen Laufbahn im Athenäum gehörten Religionsunterricht, Griechisch, Latein, Französisch, Deutsch und Englisch, Mathematik, Geschichte und Geografie, Naturwissenschaften, Physik und Chemie, Zeichnen, Gesang und Gymnastik. Das mittlere Reife-Examen unterschied zwischen den unteren und den oberen Klassen.

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Der Name rue des Capucins erinnert an das hier 1621 gegründete Kloster der Kapuzinermönche. Nach der französischen Revolution wurden die Gebäude von der Festungsgarnison genutzt. 1869 bis 1964 war hier das städtische Theater eingerichtet. 1985 eröffnete das beliebte Kapuzinertheater, dessen Saal in der ehemaligen Klosterkirche angelegt ist. Die Straße selbst ist bereits in den Plänen Jakob van Deventers 1560 eingezeichnet.

Das Hut- und Mützengeschäft Jentgen aus dem Jahre 1864 hatte Jean Unden 1874 übernommen. Das Grosse Hut-und Mützenlager wandte sich sowohl an Wiederverkäufer als an Privatkunden. Zwei Mützen dienten als Reklameschild. Nach dem Tode seines Vaters, 1892, eröffnete Victor Unden sein Hutgeschäft in der rue du Marché-aux-Herbes. Damit zeigt sich, dass auch dieses Bild vor 1893 gezeichnet wurde.

Das Restaurant von Nicolas Bernard gehört zu den Gasthäusern, die den Studenten des Athenäums und der Industrieschule einen „Mittagstisch“ anboten. Auch konnten sie Zimmer als Pensionäre mieten. Nicht jeder wollte in einem privaten Internat oder dem bischöflichen Konvikt wohnen.

Feuerwehr Clausen – Fahne des Gesellenvereins - Kapuzinerstraße

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Das Gemeinde-Gesetz von 1843 verpflichtete die Gemeinden zu den notwendigen Vorkehrungen zur Verhütung und Bekämpfung von Feuersbrünsten. Das Feuerwehrcorps bestand aus Dachdeckern, Zimmerleuten, Maurern und Tischlern. Oberstadt, Grund und Clausen verfügten über eigene Spritzenhäuser. Den Feuerwehrcorps dieser Stadtteile waren eigene Blasmusikkapellen angegliedert, die bei festlichen Anlässen, wie der Schlussprozession, spielten oder Konzerte auf dem Kiosk der Place d’Armes gaben.1851 war die Fanfare Grand-Ducale Clausen gegründet worden. Sie gehörte zusammen mit dem Gesangverein zur lokalen Feuerwehr. Mit 28 Mann war sie 1864 am Stiftungsfest des Allgemeinen Musikvereins und bei der Uraufführung der Hymne Ons Hémecht mit dabei gewesen.

Kaplan Bernard Haal, der spätere Dechant der St-Michael Kirche, hatte 1864 den „Gesellenverein“ ins Leben gerufen. Bereits Ende des gleichen Jahres kamen so 168 junge katholische Handwerker, die über 18 Jahre alt waren, in den Genuss von Abendkursen. (Die staatliche Handwerkerschule sollte erst 1896 gegründet werden.) Der Gesellenverein diente dem Kennenlernen und dem beruflichen Austausch ebenso wie der Verteidigung der Interessen des Handwerkerstandes. Modell war der 1849 von Adolf Kolping gegründete Gesellenverein in Köln.

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Im Hintergrund erkennt man die Bäckerei Bour-Laurent. In den oberen Stockwerken waren Zimmer als Wohnungen vermietet. Links das Tuch-Flanell und Überzieher- Geschäft von Eugène d’Huart-Auer.

Der Gesellenverein - Kapuzinerstraße

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Der Gesellenverein zieht vor dem 1869 gegründeten Stadttheater (heute Théâtre des Capucins) vorbei. Das Theater war 1894 ausgebaut worden und verfügte nunmehr über ein eigenes Foyer sowie über ein Buffet. Links sehen wir das Theaterbuffet, das der Gastwirt Johann Steinmetz bis 1892 in seinem eignen Lokal gegenüber dem Schauspielhaus betrieb. Der Nachbar H. Eisner handelte seit 1879 mit Wormser Bier. Sein Geschäft hatte er im Haus Ennert de Steiler am Fischmarkt gegründet. 1882 kaufte er die Brennerei François Mathieu und öffnete drei Jahre später sein Geschäft in der rue des Capucins. 1892 hatte er neben Bier und Branntwein auch Cognac und Sekt in seine Produktauswahl aufgenommen. 1898 musste er sein Unternehmen aus Altersgründen aufgegeben.

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Das zum Teil durch den Tannenbaum verdeckte Kurz-Leder-und Spielwarengeschäft Périn-Frauenberg war 1876 gegründet worden. Es befand sich zuerst am place Guillaume im Geburtshaus von Edmond de la Fontaine. 1880 zog das Unternehmen ins frühere Hutgeschäft Michel Frères in der Grand-Rue und 1891 in die rue des Capucins um. Bereits 1886 bot das Haus „Wasch-und chemische Reinigung“ als weitere Dienstleistung an.

Der Cäcilienverein Limpertberg (Glacis) - Beaumont-Straße

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Der Gesangchor St Cäcilia Limpertsberg-Glacis war – kurz nach der Einsegnung der Muttergottes-Kapelle am Glacis (1885) - auf Initiative von Bischof Nicolas Adames (1813-1887) gegründet worden. Die neue Kapelle am Glacis erinnerte an den Ursprung der Muttergottes-Wallfahrt in unmittelbarer Nähe ihres ehemaligen Standorts. Die Chorale Sainte-Cécile der Pfarrei Limpertsberg wurde 1913 gegründet, ein Jahr nach der Schaffung der Pfarrei St. Joseph.

Im Zusammenhang mit dem religiösen Gesang während der Schlussprozession ist auf das luxemburgische Kirchenlied hinzuweisen, und besonders auf „O Mamm Léiw Mamm do uewen“ von Domprobst Karl Mullendorff (1830-1902). Nic Welter hatte 1890 „Klagt in Leid das arme Herz“ komponiert, welches bis 1914 das meist gesungene Oktavlied war. Mullendorff trug wesentlich zur Entwicklung der Muttergottesoktave Ende des 19. Jahrhunderts bei.

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Die Beaumontstraße wurde erst im 17. Jahrhundert angelegt, nachdem das nahegelegene Neutor als einziges Tor Eingang in die Oberstadt gewährte. Die Gebäude an der nördlichen Straßenseite stießen an die Neutor-Kasernen. Im Bild erkennt man zwei Häuser zur Stadtseite, deren Ankersteine das Baujahr 1794, bzw. die Jahreszahl 1796 angeben. In dieser Straße wohnten vorwiegend Handwerker. Auf Nummer 3 erkennt man die Möbelschreinerei, die Martin Schreiner von 1874 bis 1913 betrieb.

Redemptoristenpater - Der Verein der Heiligen Familie – Beaumontstraße

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Aufgrund der sozialen Umwälzungen, die Europa und Luxemburg 1848 erfasst hatten, beschloss Nikolaus Adames, damals Verwalter des apostolischen Vikariats Luxemburg, 1851 die Redemptoristen des Ordens des Hl. Alfons nach Luxemburg zu bestellen. Sie sollten als Missionare die Kirche und den Glauben in Luxemburg neu aufzustellen. Zur moralischen Erziehung der handwerklichen und ländlichen Jugend gründeten sie 1852 den „Verein der Heiligen Familie“, welcher bereits nach 4 Jahren rund 5.000 Mitglieder zählte. Im Bild erkennt man die Darstellung der Heiligen Familie, die von Pilgern getragen wird. Die Gipsstatuen sind bis heute noch im Redemptoristen-Kloster erhalten. Die Patres boten Volksmissionen und Exerzitien; auch halfen sie den Kranken besonders bei den immer wiederkehrenden Ausbrüchen der Cholera. Die Redemptoristen-Kirche in der Beaumontstraße war offizielle Beichtkirche. Der Verein verfügte über eine Leihbücherei und ab 1930 über ein eigenes Kino am Theaterplatz (heute Cinémathèque).

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Hinter den Fahnen erkennt man das Schneideratelier Johann Peter Fabricius und Anna Hoffmann (1885-1904), das Restaurant Fr. V. Seyfert, sowie das Geschäft der Korkenherstellers Tolosa & Vilanova. Hier hat sich Michel Engels vertan. Tolosa & Vilanova stellten keine Hüte her, damit entspricht die Aufschrift „Fabrique de Chapeaux“ nicht der Wirklichkeit.

Feuerwehr Grund - Fahnen der Pilger aus Arlon - Beaumontstraße

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Die der freiwilligen Feuerwehr von Stadtgrund angeschlossenen Blaskapelle war aus dem 1851 gegründeten „Gesangverein, Rettungs-und Feuerwehrgesellschaft der Unterstadt Grund“ hervorgegangen. Der Vorsitzende der Société des Pompiers des Villes Basses (Grund) hatte 1863 zur Gründung des „Allgemeinen Luxemburger Musikvereins“, der Dachorganisation sämtlicher Gesang- und Musikvereine des Landes, aufgerufen. Die Blaskapelle nahm rege am öffentlichen Leben teil: so spielte sie anlässlich der Enthüllung der Denkmale zu Ehren Amalias und Wilhelms II. oder 1891 zum Empfang des Großherzogs Adolph in Luxemburg. Der Verein war 1891 dem neu gegründeten „Adolph-Verband“ beigetreten, der die Nachfolge des „Allgemeinen Musikerverbands“ angetreten hatte.

1678 hatte die Stadt Arlon die Erwählung der „Trösterin der Betrübten“ zur Patronin des Landes mitunterschrieben. Trotz der Trennung vom Großherzogtum durch den Londoner Vertrag von 1839, bIieben die Gläubigen der nun belgische Stadt ihrem Versprechen gegenüber der „Landespatronin“ treu. Bischof Koppes hatte sich 1893 zum Ziel gesetzt, die ehemals luxemburgischen Gebiete in Lothringen und Belgien für den Weiterbestand der Muttergottesoktave zu gewinnen.

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Im Bild erkennt man einen schmalen Eingang mit der Aufschrift A. Praum. Zwischen 1867 und 1885 hatte August Praum im Hinterhof des ehemaligen Hauses des Gouverneurs Jean-François d‘Autel Zündhölzer gelagert. Im rechten Nachbarhaus hatte Jules Mongenast-Olinger 1846 ein Lederwarengeschäft eröffnet. Nach seinem Tode im Jahre 1886 hatte die Witwe Mongenast das Haus an den Hotelier Xavier Wurth vermietet. Die Zeichnung von Michel Engels wurde eindeutig vor 1885 ausgeführt.

Gesangverein Merl - Gesangverein Merl Gesangverein Siebenbrunnen – Neuthorstraße

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Der Gesangverein Société de Chant Merl-Belair, der 1851 gegründet worden war, gehört zu den ältesten Chören Luxemburgs. Der Geangverein Siebenbrunnen setzte sich vorwiegend aus Mitarbeitern der Steingutmanufaktur Villeroy & Boch zusammen.

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Rechts im Bild erkennt man das Hôtel de Cologne in der Neuthor-Straße. Die Ursprünge dieses Gasthauses führen in das Jahr 1732 zurück, als der Schwabe Josef Weingarten an dieser Stelle das Hotel Zu den 7 Schwaben eröffnete. 1781 war hier der österreichische Kaiser Josef II. unter dem Namen „Graf von Falkenstein“ abgestiegen. 1867 war auch Prinz Heinrich der Niederlande in dem inzwischen zum Kölnischen Hof umbenannten Haus zu Gast. 1886 übernachtete hier der Komponist Franz Liszt. 1928 schloss das ehemalige Hôtel de Cologne, das inzwischen den Namen Hôtel Metropole übernommen hatte. Das Gebäude wurde zur Luxemburger Börse umgebaut.

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Links sieht man das Geschäft Aux fabriques réunies, das Joseph Kraus 1879 gegründet hatte. Hier gab es zuerst Pferdedecken, Steppdecken, Tischdecken und ein Leinenlager. Ab 1883 erweiterte das Geschäft sein Angebot um Möbel, Matratzen, Polstermöbel, Eisenbetten, Wiegen und Kronleuchter. 1893 wurde J. Kraus Hoflieferant. Als führendes Haus am Platz, richtete er das bischöfliche Internat Konvikt ein und lieferte das Dekor zu manchen Theateraufführungen. Das Geschäft zog 1907 an den boulevard Royal um und schloss 1930.

Gesangverein Bonnevoie - Gesangverein Itzig – Gesangverein Hamm - Gesangverein Weimerskirch

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Der Gesangverein aus Weimerskirch (Gründungsjahr 1843) gehört zu den ältesten Vereinen des Landes. Die Teilnahme von Bonneweg, Hamm, Itzig und Weimerskirch an der Wallfahrt zeigt ihren regionalen Charakter. Keiner dieser Orte gehörte damals zur Gemeinde Luxemburg. Die Gründung von Chören und Vereinen wurde vom Klerus gefördert. Die Vereine hatten für das Werden des bürgerlichen Selbstbewusstseins und für die Bildungsinteressen weitester Kreise eine nicht zu unterschätzende Wirkung. Erst nach dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) verbreiteten sich Frauenchöre und Mischchöre.

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Die rue de la Porte Neuve wurde im 17. Jahrhundert als Marienstraße bezeichnet, da sie direkt zur Wallfahrtkapelle am Glacis führte. Die Neutorstraße war seit der Öffnung des Neutors (1626) die wichtigste Straße der Hauptstadt. Von hier aus starteten die Postkutschen seit dem 18 Jahrhundert ihre Touren über Land. Im nahen Umfeld waren im 17. und 18. Jahrhundert die Gasthöfe Zum Schwanen und Zu den Sieben Schwaben angesiedelt. Seit 1875 verkehrte hier die erste Straßenbahn. Rechts im Bild erkennt man den Tabakladen von Johann Philippe Buck. Er hatte das Geschäft um 1850 gegründet. Das Geschäft wurde nach seinem Tod, 1890 nicht weitergeführt. Damit ist belegt, dass auch dieses Bild aus der Zeit vor 1890 stammt.

Fahne der Luxemburger Amerikaner - Die Madonnenstatue der marianischen Sodalität - Neuthorsrasse

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Im 19. Jahrhundert wanderten schätzungsweise 50.000 Luxemburger nach Amerika aus. Der in Remerschen geborene Pfarrer J.P. Gloden hatte die Tradition der Verehrung der „Trösterin der Betrübten“ mit in seine neue amerikanische Heimat genommen. 1873 war es ihm gelungen, eine Kirche zu Ehren U.L. Frau von Luxemburg in Carey im Staat Ohio zu gründen. Seit 1875 verfügt die kleine katholische Gemeinde über eine Kopie des luxemburgischen Gnadenbildes. Der Kontakt nach Amerika wurde durch regen Austausch gefördert. 1882 wurde Luxemburgs „American Club“ im Gasthaus Rothaus gegründet. Bischof Koppes besuchte zweimal seine Landsleute in Amerika. Um diese Verbindung mit den Luxemburgern auch äußerlich zu bekunden, ließen die Luxemburger aus Amerika 1893 drei prächtige Fahnen anfertigen. Auf der mittleren Fahne sieht man das Gnadenbild in wertvoller Seidenstickerei. Zu Füßen der Trösterin sind zwei kniende „amerikanische Luxemburger“ dargestellt. Unter dem Bild ist in glänzenden Farben das Banner mit den Stars and Stripes angebracht; rechts und links davon sehen wir das Wappen des Papstes und des Luxemburger Bischofs. Die Stifter der Fahnen wurden mit Orden für ihre Dienste geehrt. Jahrzehntelang wurden diese Fahnen von Amerikanern anlässlich der Schlussprozession getragen. Auch haben die „Luxemburger in Amerika" eine eigene Messe während der Oktave in Luxemburg für ihre Anliegen gestiftet.

Die Ursprünge der „marianischen Sodalitäten“ führen bis ins 11. Jahrhundert zurück. Diese Bruderschaften zur Vertiefung des Glaubens spielten eine wesentliche Rolle zu Beginn der Muttergotteswallfahrt im 17. Jahrhundert. Die Sodalität berichtete über die Wunder am Gnadenbild. Sie wurde 1773 mit der Aufhebung des Jesuitenordens aufgelöst. Die „Marianische Sodalität“ wurde 1846 neu gegründet und zählte 1896 rund 300 männliche Mitglieder. Vor seiner Weihe zum Bischof war Jean Joseph Koppes Direktor der Sodalität. Bei der Gründung 1846 wurde als Ziel angegeben den „Jünglingen aus dem Handwerkerstande“ Lesen und Schreiben beizubringen und ihnen die Liebe zur Trösterin der Betrübten zu vermitteln. Die marianische Sodalität gab es in mehreren Ländern und wurde von Papst Leo XIII. unterstützt und gefördert.

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Im Hintergrund des Bildes erkennen wir das Hôtel de l’Europe, das 1869 von der Familie Wester gegründet wurde und 1897 schloss. Heute erinnert die Brasserie „Westeschgaart“ am Glacis noch an diese alte Gastwirtfamilie. Rechts neben dem Hôtel erkennt man das Fahrradgeschäft der Familie François Schanen.

Feuerwehr Section B - Wappenschilder der Handwerkerbruderschaften - Neuthor-Straße - Großstraße

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Dass die Handwerkerbruderschaften dem Feuerwehrkorps in der Prozession folgen ist kein Zufall, denn bis zur Französischen Revolution gehörte die Brandbekämpfung zu den Aufgaben der Zünfte. Nach deren Auflösung 1795 wurden ab 1814 und 1843 die Löscharbeiten kommunal organisiert. Feuerwehrmänner durften nun eine eigene Uniform tragen. 1850 kam es zur Gründung der Feuerwehrkorps der Oberstadt, Clausen, Grund und Pfaffenthal. Von 1922 bis 2018 verfügte die Stadt Luxemburg über eine eigene autonome Berufs-Feuerwehr. Diese wurde in den staatlichen Corps d’incendie et de secours eingegliedert. Bis 1795 vertraten 13 Zünfte die Interessen unterschiedlicher handwerklicher Berufe. Die älteste Zunft geht auf 1266 zurück. Diese Zünfte regelten das Zugangsrecht und Ausführungsrecht der handwerklichen Berufe und verfügten über bestimmte Justizrechte. Durch ihren jeweiligen Schutzpatron fühlten sie sich der Kirche stark verbunden. Diese Beziehung beförderte nach ihrer Auflösung 1795 die Gründung von Freundschafts- und Handwerkerbruderschaften im 19. Jahrhundert. Die Vereinigungen beteiligten sich, wie einst die Zünfte, an der Schlussprozession und hielten die Erinnerung an ihre Vorgänger wach. Aus diesen Gründen hatten sie 1866, anlässlich der zweihundertjährigen Krönungsfeier der „Trösterin der Betrübten“ die Muttergottes-Statue am Neutor, sowie den Votivaltar neu bemalt. Die Wappenschilder auf dem Bild sind heute im Lëtzebuerg City Museum zu sehen.

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Im Eckhaus zur Grand-Rue befand sich Kaisers Kaffeegeschäft – la plus grande installation d’Europe pour les Cafés torrifiés“, wo man bis zum Abriss des Hauses im Jahre 1917 „Paketträger“ mieten konnte.

Section der Freiwilligen Compagnie - Musikgesellschaft Concordia - Philipp-Straße

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Bis 1867 stellte Luxemburg ein Garnisons-Kontingent für die Bundesfestung Luxemburg. Nach Auflösung der Festung wurde das Jägerbataillon als Miliz gegründet. Das auf der Skizze abgebildete Corps des gendarmes et volontaires wurde 1881 gegründet. Erstmals in seiner Geschichte verfügte Luxemburg über eigene Streitkräfte. Die Freiwilligen Compagnie umfasste 9 Offiziere, 125 Gendarmen, 171 Unteroffiziere und Soldaten, die in Luxemburg stationiert waren. Das Corps wurde 1944 aufgelöst.

1865 ging die Blaskapelle Lëtzebuerger Stadmusek Concordia aus der Trennung von dem Gesangsverein L’Harmonie hervor. Nachdem die ersten 16 Mitglieder ihre Instrumente gekauft und den Verein aufgebaut hatten, zähle er fünf Jahre später bereits 106 aktive Mitglieder. 1872 erfolgte die erste erfolgreiche Teilnahme an einer langen Reihe internationaler Musikwettbewerbe im Ausland. Ein Jahr später stifteten die Ehefrauen der Musiker die Vereinsfahne, die man im Bild erkennt. 1883 wurde der Verein in den Rang der „Fanfare Royale Grand-Ducale“ erhoben und zur offiziellen Musikgesellschaft der Stadt Luxemburg. Der Höhepunkt bildete die Ernennung zur Hofkapelle. Bis 1867 hatten Musiker der Bundesgarnison die Leitung des Ensembles inne. Johann Peter Goldschmidt, der ebenfalls eine militärischen Laufbahn eingeschlagen hatte, wurde 1867 erster Luxemburger Dirigent. Mit dem Dirigentensatb ist er im Bild klar zu erkennen. 1923 stellte die Concordia den ersten Vorsitzenden der neu gegründeten Union des Sociétés de Musique de la ville de Luxembourg.

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Es ist sicherlich kein Zufall, dass man rechts das damals führende Musikgeschäft Guillaume Stomps erkennen kann. 1878 hatte Stomps das Geschäft in der rue Genistre gegründet und war 1883 in die rue Philippe (ab 1925 rue Philippe II) umgezogen. Hier gab es jegliche Art von Musikinstrumenten und Partituren sowie Konzertkarten im Vorverkauf. 1886 hatte Stomps Franz Liszt ein Klavier zu seinem letzen öffentlichen Auftritt im Casino Bourgeois (rue Notre-Dame) zur Verfügung gestellt. In seinem Neubau von 1903 hatte der inzwischen zum Hoflieferant ernannte Musikhändler einen eigenen Konzertsalon eingerichtet. Das Geschäft schloss 1922.

Links neben Stomps befand sich das lebendsmittelgeschäft Fr. Lentz. Es handelt sich hier um das Geburtshaus von François Laurent (1810-1887). Laurent war Rechtgelehrter, Historiker und Professor an der Universität Gent in Belgien. Er ist der Autor der Histoire de l’Humanité in 18 Bänden. Er setzte sich für den öffentlichen Unterricht ein und war Urheber des Sparbüchleins für Kinder. Laurent verlangte eine klare Trennung von Kirche und Staat. Heute erinnert eine Gedenkplatte an dem später errichteten Gebäude an den Gelehrten.

Die Engelein - Philipp Straße - Paradeplatzstraße

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Nach urchristlicher Überzeugung stellt ein Anruf der Lauretanischen Litanei Maria als Königin der Engel dar. Engel bilden Mariens Ehrengarde, da sie als Königin des Himmels über ihnen thront. An Kindern hatte die „Trösterin der Betrübten“ der katholischen Überlieferung nach die auffälligsten Wunder gewirkt. In der Prozession verkündeten die Engel das Nähern der Muttergottesstatue. Ein neuer Augenblick in der Schlussprozession wird somit eingeleitet. Als Zeichen der Liebe streuten die Kinder gelbe, weiße und rote Rosenblätter auf den Weg und sangen dazu kindliche Marienlieder. Der Weg, der vor dem Gnadenbild liegt, ist nun mit Rosen bedeckt. Mitglieder des Marienvereins hatten die Aufsicht über die Kinder zusammen mit dem im Bilde zu erkennenden „Schweizer“. Seit dem Mittelalter sorgten “Schweizer“ – ihr Name erinnert an die Schweizer Garde des Papstes - für Ordnung und Andacht während der Heiligen Messe. Da die Eucharistie seit dem 2. Vatikanischen Konzil als Gemeinschaftsfeier gestaltet wird, ist die Funktion des „Schweizers“ weitgehend verschwunden.

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Im Hintergrund erkennt man das prächtige Haus der Familie Tornaco. Heute befindet sich hier das Gebäude Carré Bonn. Die Ursprünge des Hauses führen auf die Adelsfamilie Jettenbach de Gronsfeld d’Autel zurück, die das Anwesen 1753 an den Baron von Tornaco verkauft hatte. Charles Auguste de Tornaco war 1811 Bürgermeister der Stadt Luxemburg. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts befand sich hier das Gasthaus A la Boule d’Or. 1889 öffneten Emile Backes und Marguerite Körperich an der Ecke rue de la Poste, place d’Armes ihr Blumengeschäft. 1898 wurde Backes Hoflieferant.

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Rechts im Bild erkennt man das 1856 gegründete Möbelhaus Bonn Frères. Erst 1926 wird das älteste Möbelgeschäft des Landes in den gegenüberliegenden Neubau umziehen.

Die Engelein - Philipp Straße - Montereystraße

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Man beachte die einfache weiße Kleidung der Mädchen. Sie ist Zeichen der Reinheit. Kinder in Engelkostüm mit Flügel nahmen erst nach dem 1. Weltkrieg an der Schlussprozession teil. In der Mitte tragen verdienstvolle Mädchen den Königsschmuck der „Trösterin“. Alle Attribute ihrer Macht und Liebe wurden zur Schau getragen, daher auch die Anwesenheit des „Schweizers“ und der Gendarmen. Im Bild erkennt man zwei goldene Kronen. Die dritte, welche Papst Pius IX. im Jahre 1866 für die zweihundertjährige Krönungsfeier gestiftet hatte, trägt das Gnadenbild selbst. Zepter, Schlüssel und Votivherzen werden ebenfalls auf Kissen ruhend durch die Straßen geführt.

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Gleich neben Bonn Frères befand sich das Geschäft für Hart-und Weichgummi H. Hoffmanns, das von 1880 bis 1914 bestand. Nach mehrfachen Umzügen ließ sich Hoffmann zwischen 1885 und 1897 in der rue St Philippe nieder.

Im Eckhaus zur Monterey-Straße befand sich von 1869 bis 1990 das Café de la Poste. Die Pflasterung der Straßen war damals typisch für das Stadtbild. Trotz der ab 1873 geltenden Bürgersteigpflicht verfügten die meisten Häuser damals noch über Kellereingänge vor dem Haus. Sie verschwanden erst nach 1897 in der Oberstadt. In den Unterstädten sind jedoch viele bis heute erhalten geblieben.

Die Kommunikanten - Philipp-Straße - Louvigny-Straße

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Im 19. Jahrhundert waren die Rollen zwischen Jungen und Mädchen klar getrennt. Wie in der Schule mussten sie auch getrennt an der Schlussprozession teilnehmen. Die Jungen trugen einen Anzug mit weißem Armband. Das Tragen dieses sichtbaren Bandes am linken Ärmel geht auf das Ende des 18. Jahrhunderts zurück, als der Empfang der Kommunion öffentlichen Charakter erhielt. Die Armrüsche wurde als wertvolle Erinnerung an die Erstkommunion in vielen Familien aufbewahrt. Das Band hatte einen praktischen Grund: Nach der Firmung nahm der Bischof das Band ab und befestigte es am Kopf des Jungen, um so das Salböl länger auf der Stirn zu halten. Der Brauch, das Band zu tragen, verschwand nach dem 2. Vatikanischen Konzil. Die Mädchen trugen zur Kommunion und zu Hochfeierlichkeiten, wie die Schlussprozession, ein weißes Kleid, das sie mit ihrem Taufkleid und dem späteren Hochzeitskleid verband. Die Farbe erinnert an die „Unbefleckte Empfängnis“ und an die Reinheit der Seele. Mehrere Vereine stifteten Erstkommunion-Kleider für Kinder aus ärmlicheren Verhältnissen. Ab 1954 ersetzte nach und nach die Unisex-Tunika die Tradition der Anzüge und Kleider. Nur das Wesentliche, die weiße Farbe, ist bis heute erhalten geblieben, ebenso wie der Brauch, die Erstkommunionskerze als Zeichen des Gotteslichts zu tragen.

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Im Hintergrund erkennt man das Haus des Ingenieurs Antoine Dutreux (1838-1933), Luxemburger Abgeordneter (1881-1886) und Mitglied des Gemeinerates der Hauptstadt (1881-1887). Der Berater von Staatminister Paul Eyschen war mehrmals Kommissar für Luxemburg anlässlich der Weltausstellungen 1867-1900. Damals knüpfte er erste Kontakte zu Edouard André, welcher 1871 den ersten Entwicklungsplan der Stadt Luxemburg vorlegte. Ingenieur Dutreux leitete den Bau des Altenheimes Fondation J.P. Pescatore und war Mitglied in mehreren Gremien beim Bau öffentlicher Gebäude. Im Innern des Hauses, hinter den Fenstern im Erker, befand sich das von Professor Pierre Blanc, Vorsitzender des Kunstvereins, prächtig gestaltete Esszimmer. 1914 fand hier eine Sitzung in Gegenwart des deutschen Kaisers statt. Das Haus Dutreux wurde 1933 abgerissen.

Das Gnadenbild der Trösterin der Betrübten - Philipp-Straße - Maria-Theresienstraße

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Seit der Ernennung 1844 der ehemaligen Jesuitenkirche (heutige Kathedrale) zur Kirche Unserer Lieben Frau von Luxemburg wurde die rue Marie-Thérèse auch Liebfrauenstraße genannt. Erst 1925 erhielt die Straße ihren heutigen Namen rue Notre-Dame.

Es wurde nun still in der Prozession, denn das sogenannte Gnadenbild nahte. Die „Kommunikanten-mädchen“ und die Jungfrauen, „Bräute der Gottesmutter“ mit weißem Schleier trugen den Kelch und das Votivherz. Es folgte das Kontingent der Offiziere des Corps des Gendarmes et Volontaires, angeführt von Major-Kommandant Bourgeois. Das Gnadenbild wurde von Priesterkandidaten begleitet. Als Träger des Baldachins kamen nur ältere Priester in Betracht. Sie wurden damals als „Himmelsträger“ bezeichnet. Auf der Skizze trägt die Muttergottesstatue das rote aus Samt mit reicher Goldstickerei versehene Muttergotteskleid. Maria Leszczynska (1703-1768), Königin von Frankreich und Prinzessin von Polen, hatte es eigenständig bestickt und der Trösterin der Betrübten geschenkt. Den Schleier aus venezianischer Spitze hatte Kaiserin Maria-Theresia der Patronin des Herzogtums überreichen lassen. Damit ist die Verbundenheit der Wallfahrt mit der Zeit vor der Französischen Revolution bestätigt. Das Gnadenbild trägt die Krone, die Papst Pius IX 1866 zu ihrem Krönungsfest gestiftet hatte, sowie das aus dem gleichen Jahr stammende Königszepter. Auch den goldenen Votivschlüssel aus dem Jahr 1667 erkennt man im Bild. Die Statue trägt das Band des Goldenen-Vlies-Ordens, welcher der Gouverneur des Herzogtums François d’Autel (1697-1713) ihr zu höchsten Ehre übereicht hatte. Der Baldachin als Zeichen der Würde, unter welchem das Gnadenbild getragen wurde, war der Trösterin durch den Marienverein als Jubiläumsgeschenk 1866 dargebracht worden. Pfauenfedern als Zeichen der Unsterblichkeit der Seele krönten die Tragsäulen des Baldachins.

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Links im Bild erkennt man die Gaststube Nic. Freimann. Die dreistöckigen Wohnhäuser in der rue Marie-Thérèse gab es nicht. Engels hat sie frei erfunden.

Militärmusik – Der Cäcilienverein – Krankenbrüder - Maria-Theresien Straße

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An den Baldachin der Gnadenmutter reiht sich die Militärmusik, die an diesem Tage Weisen zum Lob der „Königin der Heerscharen“ spielte. 1842 wird als Gründerjahr der Militärmusik angesehen. 1881 bestand die Musik des Corps des gendarmes et volontaires aus 39 Musikern und einem Chefdirigenten. Links im Bild ist der in Berlin geborene Gustav Kahnt (1848-1923) als Chef-Dirigent zu erkennen. Kahnt komponierte zahlreiche weltliche Vokalwerke, Klavierlieder, Werke für Klavier, Orchester oder Blasorchester, Opern und Operetten. Auf dem Bild folgt der 1844 gegründete „Cäcilien-Verein“. Der Apostolische Vikar von Luxemburg, Johannes-Theodor Laurent hatte den Männerchor ins Leben gerufen, als die ehemalige Jesuitenkirche zur Kirche Unsere Lieben Frau von Luxemburg erhoben wurde. Der Chor zählte rasch 50 Mitglieder. Auch Knaben wurden aufgenommen, Frauen jedoch erst ab 1965. Aus dem „Cäcilienverein“ wurde nach der Weihe der Kirche zu Ehren Unserer Lieben Frau von Luxemburg zur Domkirche im Jahre 1870 die Maîtrise de la Cathédrale. Dem Kirchenchor war auch eine Gesangschule angegliedert. Im Bild erkennt man Peter-Alois Barthel, der zwischen 1883 und1895 den Gesangverein der Kathedrale leitete. Barthel war Vikar an der Kathedrale und Gesangslehrer am Priesterseminar. Folgende Lieder Barthels sind heute Teil des Luxemburger Musikschatzes: „Exultemus“, „Selig das Volk“, oder „Lux aeterna“. 1868 hatten sich die Krankenbrüder Frères de charité als Ordensgemeinschaft in Luxemburg gegründet. Die Kliniken St- François, Ste-Elisabeth und St-Joseph entstanden erst zwischen 1894 und 1901, so dass bis dahin die Krankenpflege zu Hause eine Notwendigkeit war.

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Links im Bild erkennt man das ehemalige Hôtel de l’Amérique, welches in einem Haus aus dem Jahre 1685 untergebracht war. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts befand sich hier eine Gaststätte, die sich spezifisch an fahrende Händler richtete. 1862 erstand Jean-Joseph Derulle (1819-1881) das Anwesen und vermietete das Haus an den Gastwirt Victor Wagner. Bereits 1866 wurden hier Arbeiter rekrutiert, die in Sussex für die Firma Waring-Brothers arbeiten sollten. Derulle kümmerte sich ebenfalls um den Güterversand nach New York. 1870 wurde er zum ersten - aber nicht zum einzigen - offiziellen Emigrations-Agent in Luxemburg genannt. 1878 übernahm sein Sohn Ernest Derulle (1851-1912) das Gasthaus der Witwe Wagner und führte es unter dem Namen Hôtel de l’Amérique – Victor Wagner Successeur. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er die Emigrations-Agentur und wurde 1904 American Consular Agent. An der Fassade erkennt man die amerikanische Fahne, sowie die Aufschrift „Red Star Line“. Die königliche belgische und amerikanische Postdampfschifffahrt, die Derulle in Luxemburg exklusiv vertrat, verband Antwerpen direkt mit New York und Philadelphia. 1900 verlegte Ernest Derulle seine Agentur ins ehemalige Hôtel de l’Amérique. 1907 errichtete er das „American Building“ nach den Plänen des Architekten Alphonse Kemp. Historiker schätzen die Zahl der Auswanderer nach dem amerikanischen Kontinent für die Jahre 1851-1900 auf 70.000 Menschen (etwa ¼ der damaligen Bevölkerung). Im Zentrum des Bildes erkennt man die Druckerei Worré-Mertens (1892-1998), die sich besonders im Druck von Literatur und Sachbüchern in Luxemburg einen großen Namen gemacht hatte.

Das Priesterseminar - Priester im Chorrock - Maria Theresienstraße - Chimay-Straße

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1845 gründete der Apostolische Vikar für Luxembourg, Johann-Theodore Laurent, das einheimische Priesterseminar gegründet. Es war im sogenannten „Niederkorn-Flügel“ des Athenäums untergebracht. 13 Professoren und Priester waren mit der Ausbildung der Priesteranwärter betraut. Zwischen 1884 und 1914 lag ihre Zahl zwischen 46 und 72 Kandidaten pro Jahr. Die Seminarkapelle befand sich ab 1895 im Hof des Athenäums, zur Seite des heutigen boulevard F-D. Roosevelt. 1930 zog das Seminar nach Limpertsberg. Seit 1970 befindet sich das Grand Seminaire de Luxembourg- Centre Jean XXIII in Weimershof. Die bestehenden Gebäude des Seminars wurden 1935 abgerissen, um die Erweiterung der Kathedrale und die Anlage des Vorplatzes zu ermöglichen.

Der Chormantel oder Pluviale wird von einem Priester oder Bischof getragen, wenn kein Messgewand gebraucht wird, so bei einer feierlichen Vesper, zur Andacht, bei Prozessionen oder bei einer Bestattung. Der Chormantel ist ein weiter, langer, vorne offener, ärmelloser Mantel, meist aus Seide. Dieser liturgische „Wettermantel“ entstand im 8. Jahrhundert und wurde von den Mönchen beim Chorgebet und bei Prozessionen getragen. Auffallend ist die Kapuze, die im Laufe der Jahrhunderte zu einem dekorativen „Schild“ umgestaltet wurde, nachdem sie schon im 11. Jahrhundert ihre Funktion verloren hatte. Der Chormantel entwickelte sich zu einem Prunkstück, wobei der Reichtum der Kirche (Pfarrei?) durch die Verwendung kostbarer Damaste, durch Bildstickerei und in der Goldschmiedearbeit des Verschlusses zum Ausdruck kam. Die im Marienverein (1857) zusammengeschlossenen Kunstnäherinnen und Stickerinnen fertigten die prächtigen Gewänder an. Zum Domkapitel gehörte Dom-Pfarrer Friedrich Lech (1883-1913), ein Freund Michel Engels, den man in der Gruppe erkennen kann. Lech förderte die Herstellung wertvoller heiliger Gewänder durch Frauen, die auf diese Weise näher an das Geschehen am Altar eingebunden werden sollten.

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Im Hintergrund erkennt man das mächtige Haus der Familie d’Obsbourg. Jean d‘Obsbourg war im 17. Jahrhundert Schöffe der Stadt Luxemburg. Im 18. Jahrhundert baute Kaufmann Henri Ambroise-Hencké das Gebäude aus und versah es mit einem reichem schmiedeeisernen Geländer und einem prächtigem Barock-Eingang. Guillaume Zander betrieb zwischen 1866 und 1896 hier das Bierhaus Münchner Kindl mit Bezug auf das gleichnamige Bier aus München. 1896 gelangte das Haus in den Besitz der Familie des späteren Staatsminister Joseph Bech (1887-1975), der es verkaufte. 1963 wich das stolze Haus einem Neubau.

Der hochwürdigste Herr Bischof v. Luxemburg mit dem Allerheiligsten - Gendarmerie Ehrenwache - Die Mitglieder des Kirchenrathes – Wilhelmsplatz Rathaus

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Den absoluten Höhepunkt der Schlussprozession bildet der Zug des Bischofs mit dem „Allerheiligsten Sakrament“. Durch dieses erhält die Veranstaltung den höchsten eucharistischen Rang eines Pilgerzuges. Das Allerheiligste steht über der Aussetzung des Gnadenbildes. Begleitet wird der Zug von den sogenannten Trägern des Lichtes Christi. Angeführt wird er durch einen Ministranten, der den Bischofsstab trägt. Seit 1870 ist Luxemburg ein eigenständiges Bistum, zum Erzbistum wird die Diözese 1988. Dann folgt die Aussetzung der Heiligen Evangeliarien als Zeichen der Verkündigung. Auf dem Bild trägt Bischof Jean-Joseph Koppes (1883-1918) in einer Monstranz das Allerheiligste, auch Allerheiligstes Sakrament des Altares genannt. Ein Sakrament-Tuch erlaubt ihm, aus Ehrfurcht vor Gott, die Monstranz nicht zu berühren. Das Tuch ist weiß und verweist auf die Reinheit des Allerheiligsten. Die Verehrung des menschgewordenen Gottessohnes in der Brotgestalt steht im Zentrum des religiösen Geschehens. Der Baldachin oder „Himmel“ hebt diesen Höhepunkt der Prozession visuell ab. Am Baldachin liest man die Aufschrift IHS (Jesu Hominem Salvator / Jesu der Menschenretter), eines der ältesten christlichen Zeichen. Die Verehrung der geweihten Hostie in Prozessionen geht auf das Hochmittelalter zurück. Der Sakrale Segen mit dem Allerheiligsten gilt als Abschluss der eucharistischen Prozession. Aus Respekt vor dem Allerheiligsten trägt der Bischof seine liturgische Kopfbedeckung bei dieser Handlung nicht. Sie wird von einem Ministranten hinter dem Baldachin getragen.

Der Zug wurde gefolgt von den Mitgliedern der Kirchenfabrik. Die Gründung von Kirchenfabriken war per Dekret Napoleons I. ab 1809 verpflichtend. Sie war Teil des Konkordats, welches damals die Beziehungen zwischen Staat und Kirche regelte. Die Kirchenfabriken hatten den Auftrag, den Unterhalt und Erhalt der Kirchengebäude und die Verwaltung von Spenden zu gewährleisten. Diese Struktur wurde 2015 weitgehend reformiert.

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Im Hintergrund erkennt man links das alte Lentzenhaus, das Geburtshaus des Luxemburger Nationaldichters Michel Lentz (1820-1893). Das Haus aus dem Jahre 1671 wurde 1937 durch den Bau des Hôtel Schintgen ersetzt (heute Hôtel Simoncini). Das vierstöckige Nebenhaus wurde 1869 errichtet. Es lag an der Stiege zum Wilhelmsplatz. Es handelte sich um das neue Lentzenhaus, in dem der Nationaldichter knapp vier Monate nach der Veröffentlichung der Schlussprozession durch Michel Engels, 1893, verschied. Der Bau wurde 1954 abgetragen und das Grundstück für die Erweiterung des Hotel Schintgen genutzt. Rechts erkennt man das Rathaus der Gemeinde Luxemburg. Es wurde zwischen 1830 und 1838 errichtet. Architekt und Professor Julien-Etienne Rémont aus Lüttich hatte die Pläne dazu entworfen. Die Bögen im Untergeschoss zur rue Notre-Dame waren offen, da sie bis zu Beginn des 1.Weltkrieges als gedeckte Markthalle dienten.

Berittene Gendarmen - nachfolgende Volksmasse - Wilhelmsplatz

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Links sehen wir die Mitglieder des Kirchenrates aus dem Bild ziehen. Die berittenen Gendarmen des Corps des gendarmes et volontaires wurden bei Großveranstaltungen eingesetzt, bei denen man Unruhen befürchtete. Sie beschützten den Schluss der streng nach Geschlecht, Vereinen und Klerus geordneten Prozession. Zur Aufnahme dieser Skizze stand Michel Engels neben dem Eingangstor zum Hof des Athenäums. Die Menge der Schaulustigen war groß und zog sich auf dem Wilhelmsplatz bis hin zum Rathaus. Im Vordergrund erkennt man Pilger aus der Landbevölkerung. Frauen, Kinder, Junge und Alte nahmen regen Anteil an der Prozession und folgten ihr.

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Rechts im Hintergrund erkennen wir das Haus Letellier am Wilhelmsplatz und im vorderen Bereich den Garten der Internationalen Bank in Luxemburg, wo die Prozession begonnen hatte.

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Das vom französischen Künstler Antonin Mercié entworfene Reiterstandbild Wilhelms II. wurde 1884 eingeweiht. Ganz im Hintergrund erkennt man das noch nicht ausgebaute Haus de La Fontaine. Hier wohnte einst der Gouverneur des Großherzogtums Luxemburg, Gaspard Theodor Ignace de la Fontaine (1787- 1871). In diesem Haus wurde sein Sohn, Edmond de la Fontaine (1823-1891), der unter dem Namen Dicks bekannte Luxemburger Nationaldichter, geboren.

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Michel Engels (1851-1901)

Michel Engels wurde am 8. Juli 1851 in Rollingergrund geboren. Nach erfolgreichen Studien am Athenäum und an der Königlichen Kunstakademie in München wurde er 1872 beigeordneter Zeichenlehrer und schließlich Professor für Zeichenunterricht am Athenäum. Engels starb am 2. November 1901 in seinem Heimatort.

Er war Maler und Erzähler: er schilderte genau, was er sah und was ihm wichtig war. Michel Engels hatte sich einen Namen als Illustrator mehrerer Veröffentlichungen, wie Marienkalender, Hémecht und Sonntagsblatt gemacht. Seine Reiseschilderungen über Wien, Budapest, Paris, München, der Schweiz oder nach Italien gehören heute zur Luxemburgs Literatur der Romantik. Neben Landschaften und Porträts malte Engels gerne Allegorien. Er bevorzugte Aquarellzeichnen vor Ölgemälden.

Engels war ein zutiefst frommer Mann: seine religiösen Ölgemälde schmücken noch heute die Kirche in Rollingergrund. Seine Abhandlungen über Die malerische Ausschmückung des Chores unserer Kathedrale (1887), Die Kreuzigung Christi in der bildenden Kunst und die Darstellung der Gestalten Gottes in der Bildenden Kunst gehören zu seinen wichtigsten Werken. Engels war Gründer und erster Vorsitzender des Luxemburger Künstlervereins und Mitglied des Institut grand-ducal. Seine Veröffentlichungen Bilder aus der ehemaligen Festung Luxemburg (1887), Le Luxembourg pittoresque (1901) und Die feierliche Schlussprozession der Muttergottes-Octave (1893) ließen den Maler und Erzähler ins kollektive Gedächtnis Luxemburgs eingehen. Seine Freundschaft zu Dompfarrer Lech erlaubte ihm, 1898 den Glockenturm der Kathedrale zu besteigen um von dort aus eine Reihe Stadtansichten anzufertigen.

Eine Straße in der Hauptstadt trägt heute seinen Namen. Sein Grab auf dem Liebfrauenfriedhof hat die Gemeinde als Denkmal geschützt.

Es war der Wunsch von Michel Engels, die Schlussprozession wegen ihrer historischen und nationalen Bedeutung künstlerisch darzustellen. „Es sollte „ein Denkmal werden für eines der am tiefsten im Volk wurzelnden Nationalfeste. Er glühte vor Begeisterung über die Aufgabe, die er sich gestellt hatte“ schrieb Batty Weber im Abreißkalender vom 18. Januar 1920. Ein fotografischer Bildband genügte ihm nicht. In der Einleitung zu seinem Werk spürt man die Spannung, die damals zwischen Fotografie und Zeichenkunst herrschte. Hier geht es lediglich um Skizzen, die erst im 19. Jahrhundert als eigene Kunstform geschätzt werden. Bis dahin dienten diese raschen Aufnahmen vor Ort der Vorbereitung größerer Ölgemälde im Atelier des Künstlers.

Engels erstellte seine Schlussprozession in mehreren Etappen und über Jahre hindurch erstellt. Als gläubiger Mensch und Professor am Athenäum nahm er selbst sicherlich öfters an der Schlussprozession teil. Dem ehemaligen Mitglied des Jägerbataillons war auch das Milieu der Armee vertraut. Engels ging es nicht um die Darstellung der Antlitze von Bekannten und Freunden, sondern um das Festhalten von Charakterzügen und Haltungen. Diese Einstellung brachte ihm öffentliche Kritik ein und erklärt vielleicht das Erscheinen des Werkes im Selbstverlag. Die dargestellten Straßenzüge mit ihrer markanten Geschäftswerbung und die vorbeiziehenden Pilgergruppen geben ein getreues Bild der Struktur der damaligen Gesellschaft wieder.